Martin, hast du je an der Idee gezweifelt?
An der Idee eigentlich nie. Ich bin überzeugt, dass es bessere Lösungen für Non-Profits braucht, als was heute zur Verfügung steht. Ich habe nicht gezweifelt, dass es Sinn macht, Systeme und Kultur zusammenzudenken, dass Verbände entlastet werden müssen, dass Ressourcen in den Zweck fliessen sollen.
Ich habe mir aber oft die Frage gestellt, ob ich die richtige Person bin, um das ZfV durch diese Anfangsphase zu steuern. Ob ich Entscheidungen treffe, die nicht nur fachlich, sondern menschlich richtig sind. Ob ich Mitarbeitende so führen kann, dass sie in einer extremen Spannungssituation nicht kaputtgehen. Auch wenn ich von unserem Gestaltungsrat und anderen Menschen starke Unterstützung hatte und spürte, aber oftmals fühlte ich mich dennoch alleine und haderte mit mir selber.
Frage: Was hat diese Zweifel ausgelöst – konkret, nicht abstrakt?
Ein Teil war die Erschöpfung. Ich habe über neun Monate praktisch pausenlos gearbeitet, sieben Tage pro Woche. Ich sagte mir am Anfang: Das ist eben so und es geht auch wieder vorbei, schliesslich hatte ich die Energie und die Lust dazu, vorwärts zu kommen. Ich merkte erst im Herbst, was diese Belastung mit mir machte. Ich wurde dünnhäutig, war schneller gereizt. Ich kam öfters an meine Grenzen und hatte durchaus den Gedanken, alles hinzuschmeissen. Gleichzeitig versuchte ich, nach aussen stabil zu bleiben und Kunden und Mitarbeitenden Orientierung zu geben, Sicherheit und Zuversicht zu vermitteln.
Und dann gab es konkrete Momente, wo die Zweifel besonders hoch waren: Im September beispielsweise, als ich dachte, wir hätten eine Person gefunden, die mich entlasten wird, die mich begeistert hat, was wir auch kommunizierten. Und dann merkte ich: Das funktioniert nicht, das bringt uns an den entscheidenden Punkten nicht weiter, wir müssen wieder neu anfangen. Das war eine Hoffnung, die sich wieder in Luft auflöste. Und wenn man ohnehin schon am Anschlag ist, fühlt sich so etwas nicht wie „ein normaler Rekrutierungsprozess“ an, sondern wie: Wir verlieren wieder Zeit, wir verlieren wieder Stabilität, und ich weiss nicht, wie lange ich das noch tragen kann.
Frage: Du hast vorhin die Abgänge erwähnt. Warum waren sie so einschneidend?
Weil es Menschen waren, die teilweise ganz früh mit dabei waren und sich mit der Idee und den Prinzipien vom ZfV identifizierten. Solche Abgänge trafen mich nicht nur als Arbeitgeber, sondern als Mensch. Wenn jemand geht, weil die Startphase zu belastend ist, dann ist das nicht einfach ein organisatorischer Wechsel. Dann ist das auch eine Spiegelung: War ich zu optimistisch? Habe ich überfordert? Habe ich zu viel Freiheit gegeben, ohne die notwendige Orientierung? Habe ich nicht genug aufgepasst? Und wenn dann dazu kommt, dass man spürt, dass Menschen Vertrauen in die gemeinsame Mission verlieren, dann ist das besonders bitter, weil es nicht nur um eine Anstellung geht, sondern um den Glauben an das, was ich gemeinsam mit diesen Menschen aufbauen wollte.
Frage: Du hast selbst gesagt, dass sich dein Weltbild in dieser Phase verschoben hat. Was meinst du damit?
Ich glaube, ich habe in dieser Zeit mein humanistische Weltbild ein Stück weit verloren – zumindest zeitweise. Ich komme aus dem Glauben an Gemeinschaft, an „wir können das miteinander schaffen“, an Teilen, an kollektive Intelligenz. Aber unter Druck, mit Erschöpfung, mit der Verantwortung, habe ich begonnen, Dinge wieder stärker an mich zu ziehen, Kontrolle zurückzuholen. Nicht aus Machtwille, sondern aus Angst, dass es sonst auseinanderfällt. Und ja, da kam auch etwas Materialistisches hinein: ich habe das Finanzkapital selber gegeben, es war mein Geld, und ich wollte, dass es gut investiert ist. Das ist ein heikler Punkt, weil es nicht nur um Verantwortung oder um Entscheidungsmacht geht, sondern auch um finanzielle Verlustangst, um Reputation. Und unter Druck vermischt sich die Klarheit.
Frage: Gab es einen Moment, der dir gezeigt hat: Jetzt ist eine Grenze erreicht?
Ja. Im Herbst gab es einige Wochenenden, bei schönstem Wetter draussen, an denen ich einfach die zwei Tage im Bett geblieben bin. Nicht, weil ich mir bewusst eine Pause nehmen wollte, sondern weil ich nicht mehr konnte. Das war kein dramatischer Zusammenbruch, aber es war ein klares Signal: Ich konnte nicht einfach mit Willenskraft durch alles durch und dem alles unterordnen. Der Gegenwind lässt sich nicht wegreden. Und wenn ich da nicht aufgepasst hätte, wäre vielleicht nicht nur ich einmal ausgebrannt gewesen, sondern die Idee ZfV hätte nicht mehr weitergeführt werden können, seine Mitarbeitenden hätten einen neuen Arbeitsort finden müssen und unsere Kunden eine neue Agentur.
Mini-Teaser Teil 4:
Lesen Sie im Teil 4, wie sich das Team veränderte, welche Strukturen wurden gebaut, warum bewusst im Marketing gebremst wurde – und warum das ZfV heute mit gutem Gewissen sagen: Wir sind bereit für neue Organisationen.